Ja, früher war alles besser. Herbert Prohaska hatte noch seine "Schneckerl" und seine Rotzbremse. Österreich gewann bei einer Weltmeisterschaft am 21.6.1978 in Cordoba 3-2 gegen Deutschland (Für Fußballbanausen: Nicht das ehemalige Emirat von Cordoba auf der iberischen Halbinsel ist gemeint, sondern das argentinische Gegenstück) und löst eine kollektiv-österreichische Brustschwellung aus. Anton Polster der Jüngere verzückte Fußballfans in Spanien und Deutschland als Strafraum-Schwein und Instink-Knisper. Außerdem wurde das favorisierte Österreich 1930 in Uruguay nur deshalb nicht Weltmeister, weil sie die beschwerliche Reise anderthalb Wochen per Schiff nicht auf sich nehmen wollten. Herrliche Zeiten für den alpenländischen Fußball-Fan. Und was ist geblieben?
Dreiste Piefke im TV
Günter Netzer ist ein Fußballexperte alten Schlages. Ein ausgewiesener Kenner
der Szene und in der Lage, noch so defizile Sachverhalte präzise in zwei
butterweiche Sätze zu gießen. Dafür lieben ihn Millionen Couch-Fußballer im
deutschsprachigen Raum. Der knautschige Charme und die genuschelten Worte
lassen das Bett Bett sein - aderdurchzogene Augen hin oder her. Die
Spielanalyse des einstigen Fohlen-Virtuosen, der im Hauptberuf eigentlich
Pop-Ikone der Siebziger war, ist nach jedem Länderspiel Pflicht. Neulich -
direkt nach dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die wohl
erfolgloseste Mannschaft seit 1966 - bekamen auch die Österreicher wieder
verbale Streicheleinheiten auf das stets gequälte Haupt gedrückt. Doch die
wohlig weiche und gut gemeinte Aussage des Fußball-Experten Günter war nur
beim ersten Hinschauer wärmend für das Herz. Auf den zweiten Blick offenbarte
sie die ganze Tragik der Causa "EM 2008" (Wortschöpfung des Autors,
man möge ihm dies verzeihen). Auf die Frage des ARD-Moderators, ob die
Europameisterschaft im Nachbarland Österreich denn wohl auf ähnliche Euphorie
stoße, wie die Weltmeisterschaft im heimischen Deutschland, zuckte
Fast-Fußball-Weltmeister Netzer nachdenklich mit der linken Augenbraue. Erst
dann setzte er zu einer, in seiner Präzision kaum zu überbietenden Antwort an:
"Die Österreicher halten nichts von ihrer Nationalmannschaft! Doch alle,
die die Europameisterschaft planen und veranstalten freuen sich auf das
Fußballfest." Ergo: 120 österreichische Fußball-Funktionäre, mit
rot-weiß-roten Schals und Fahnen bewaffnet, werden die Alpenkicker zum Europameisterschaft-Titel schreien. Der Otto-Normal-Österreich währenddessen blättert jeden Tag
hastig durch die "Kronen Zeitung", um die neuesten Horror-Meldungen
über die Hickersberger-Truppe zu studieren. Ein Aufschrei der Empörung - sonst
üblich wenn der germanische Nachbar den Mund zu ösischen Belangen auftut -
blieb überraschenderweise aus. Keine Leserbriefe, kein Boykott von deutschem
Toilettenpapier. Stille ist die Mutter der EM-Kiste.
Die dicken Kindern von Klagenfurt
Mit einigem medialen Tamtam wurde jüngst der EM-Botschafter der Stadt
Klagenfurt eingeführt. Niemand geringeres als Leverkusens Ex-Manager Rainer
Calmund wird bis zum Juni nächsten Jahres Werbung für die hedonistischen
Belange, Verzeihung, für die fußballerischen Belange des Austragungsortes
Werbung machen. Was Fachkompetenz in Sachen Fußball suggerieren soll, kann
ebenso gut nach hinten losgehen und als Warenpräsentation eines heimischen
Wurstwaren-Spezialisten missverstanden werden. Schon der erste Werbesatz
Calmunds während seiner Inthronisierung ließ Rhein-affine Zuhörer glücklich
kichern: "Jott weiß, dat Klarjenfurt an Fleckschen Erde is, wo wat man jerne lebt." Die Journaille war ein einziges Staunen, ob der orthografischen
Fallstricke bei der Wiedergabe dieses Zitats. Ob der Satz im heimischen Fernsehen
mit Untertitel gelaufen ist, ist nicht bekannt. Sehr wohl anzunehmen ist aber,
dass die Entscheidung, Rainer Calmund als Botschafter für das Speck und
Jausen-Land Kärnten zu verpflichten sicher ein Glücksgriff gewesen ist. Niemand
anderes verkörpert die Lebenslust so, wie der gewichtige Rheinländer. Außer
vielleicht Ottfried Fischer, aber der ist nun wirklich zu unsportlich. Geeignete Kandidaten fehlen: Franz Klammer fährt Ski und ist höchstens noch den älteren Semstern in Deutschland ein Begriff. Ingeborg Bachmann ist leider tot und Arnulf von Kärnten schon zu lange her. Bleibt also nur ein lebensfroher und omnipräsente Clamund, der zwar in Deutschland bekannt wie ein bunter Hund ist, von dem in Kärnten aber noch nie jemand gehört hat.
Sitzen kannst Du zuhause!
Nun, in wenigen Stunden wird das Klagenfurter EM-Stadion seiner Bestimmung
übergeben. Neben dem Ländermatch zwischen Österreich und Japan wird dem
Besucher auch eine siebenminütige Eröffnungsshow erwarten. Dazu wurde ein
namhafter Choreograph, dessen Namen dem Verfasser akuterweise entfallen ist,
verpflichtet. Auf dem Programm stehen japanische Trommeln und Feuerwerk.
Probleme gibt es allerdings sowohl mit den Sitzgelegenheiten als auch mit dem
Verkehr. Auf der Internetseite und im Magazin der Stadt wird darum gebeten,
doch bitte entweder per Fahrrad, Taxi oder doch gleich zu Fuß zu kommen. Grund
dafür ist die Furcht vor dem absoluten Verkehrs-Infarkt in und um Klagenfurt
und der Mangel an fertig gestellten Parkplätzen. Nur die VIPs dürfen bis vor
das Stadion fahren. Unverständlich: Der Bürgermeister residiert direkt in der
Innenstadt und könnte locker mit dem Rad zum Event gestrampelt kommen. Und auch der
Landeshauptmann hätte eine zwar fordernde aber doch schaffbare Strecke aus dem
Bärental per Rad zu absolvieren. Viel schlimmer wiegt auch eher das Malheur mit den Sitzgelegenheiten im Stadion: Immer noch fehlen gut 7.000 Sitzschalen, die auch
am Freitagabend nicht montiert sein werden. Grund dafür ist ein marginaler
Fehler bei der Produktion: Aus Kostengründen wurden die Sitzunterlagen in China
bestellt (Schreit Ihr Exportbeauftragten der Wirtschaftskammer! Mögen heimische Firmen am Bau des Stadions partizipieren! Alle Mann auf die Barrikaden!). Leider
gingen die Macher im Reich der Mitte bei der Herstellung der Sitze vom durchschnittlichen Gewicht eines
Asiaten aus und sparten sich 150 Tonnen Stahl. Dass einmal
Rainer Calmund auf einer kommunistischen Sitzschale Platz nehmen würde, hatte
niemand einkalkuliert. Aber auch der normalgewichtige Kärntner hätte die
Unterlage mit seinem Sitzgewicht zum Zerbrechen verurteilt. So gibt es zur
Eröffnung einen Stehplatzrang, der wohl auch zum ersten richtigen Austria
Kärnten-Heimspiel erhalten bleibt.
Um am Ende Günter Netzer noch einmal das Wort zu erteilen: "Franck Ribery
spielt nicht umsonst in München und nicht in Österreich." In diesem Sinne:
Hopp Schwyz, hopp!
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